#6 Benutzerschlüssel (BAS), Anlagen (AKS)- und Betriebsmittelkennzeichen (BKS) – VDI 3814
· aktualisiert 10. Mai 2025 · Dennis Wieczorek
Die Bedeutung von Kennzeichnungen in der Gebäudeautomation:
In der Gebäudeautomation spielen Benutzerschlüssel eine zentrale Rolle: Sie dienen dazu, einzelne Ein- und Ausgabefunktionen (Datenpunkte) innerhalb eines GA-Systems eindeutig zu identifizieren.
Gerade bei größeren Projekten – oft mit mehreren Herstellern, Errichtern oder unterschiedlichen Systemen – ist ein einheitliches Kennzeichnungssystem unverzichtbar.
Nur so lassen sich beim Bedienen, Betreiben und Inbetriebnehmen die Anlagen, Automationsschwerpunkte und Funktionen klar und effizient zuordnen.
1. Warum eine einheitliche Kennzeichnung so wichtig ist
In fast jedem GA-Projekt arbeiten verschiedene Gewerke zusammen: Heizung, Lüftung, Elektro, Kälte usw.
Jedes dieser Gewerke hat seine eigene Sprache, seinen eigenen Fachjargon und seine eigenen Vorstellungen von den Systemen.
Das ist völlig natürlich, aber genau hier liegt eine der größten Herausforderungen:
Alle Beteiligten müssen auf einen gemeinsamen Nenner kommen, damit in Planung, Ausführung und Betrieb dasselbe verstanden wird – und nicht jeder sein eigenes System etabliert.
Ein Beispiel:
Ein Heizungsbauer stellt sich bei einem Ventil meist das physische Bauteil vor – den Körper, durch den das Wasser fließt.
Für die Gebäudeautomation hingegen ist das Entscheidende am Ventil das Signal zur Ventilsteuerung: die Stellgröße (z. B. ein Prozentwert von 0–100 %), mit der ein Stellantrieb das Ventil öffnet oder schließt und somit den Durchfluss beeinflusst.
Damit diese Welten zusammenpassen, braucht es klare, einheitliche Bezeichnungen für alle Anlagen, Betriebsmittel und Datenpunkte (heute Ein-und Ausgabefunktionen genannt).
2. Typische Probleme in der Praxis
In der Praxis zeigt sich häufig:
Viele Gewerke sehen die Kennzeichnung anfangs als nebensächlich oder interessieren sich nicht dafür.
Gerade Betreiber kennen oft die Vorteile nicht oder unterschätzen die Bedeutung eines guten Systems.
In der Folge schlägt die Gebäudeautomation irgendwann selbstständig einen Schlüssel vor oder verwendet einen eigenen – was zwar kurzfristig hilft, aber langfristig zu Chaos führen kann.
Unkoordinierte Kennzeichnung führt zu:
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doppelten oder widersprüchlichen Bezeichnungen,
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Missverständnissen zwischen den Gewerken,
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erhöhtem Aufwand bei Dokumentation, Inbetriebnahme und späterem Betrieb.
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Revisionsdokumentation am Ende des Projektes wird der absolute Wahnsinn.
Deshalb sollte die Festlegung eines einheitlichen Systems so früh wie möglich erfolgen – am besten noch vor der Erstellung von Schemen und Zeichnungen.
3. Wichtige Begriffe: Anlagenkennzeichen, Betriebsmittelkennzeichen und Benutzerschlüssel
Häufig begegnen einem im Projekt verschiedene Begriffe:
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Anlagenkennzeichen (AKZ): Kennzeichnung einer kompletten Anlage (z. B. einer Lüftungsanlage).
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Betriebsmittelkennzeichen (BMK): Kennzeichnung eines einzelnen Bauteils innerhalb einer Anlage (z. B. eines Ventilators oder Fühlers).
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Benutzerschlüssel oder Benutzeradressierungssystem: Oberbegriff für das gesamte System, das Anlagen, Betriebsmittel und Datenpunkte eindeutig strukturiert.
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Hausschlüssel oder Datenpunktschlüssel hört man hier und dort auch noch. Damit ist in der Regel auch der Benutzerschlüssel gemeint.
Wichtig ist:
Alle Beteiligten müssen dieselbe Sprache sprechen.
Eine kurze, klare Definition von Begriffen reicht oft schon aus, um die Grundlagen für das ganze Projekt zu legen.
Was sagt die VDI 3814 dazu?
Die VDI 3814 führt zunächst die Begriffe ein und definiert sie eindeutig. Anschließend folgen im Blatt 4.1 (Ausgabe 2019) praxisnahe Beispiele und Empfehlungen für deren Anwendung.
4. Die drei Ebenen: AKS, BKS und BAS
Bevor wir über „das AKS” diskutieren – die meisten reden eigentlich vom BAS. Und das ist nicht egal. Hier die drei Ebenen nach VDI 3814 Blatt 4.1:
AKS – Anlagenkennzeichnungssystem
Hier geht es erstmal nur um die Anlage: Liegenschaft, Gebäude, ASP, Gewerk, Anlagenart, Anlagennummer. Das war’s. Kein Betriebsmittel, keine Funktion.
Wer „AKS” sagt und die ganze Adresse bis zum Datenpunkt meint, drückt sich unsauber aus. Warum das wichtig ist? Weil in der VDI 3814, der VDI 6026 und auch im AMEV (GA-Planung und BACtwin) die verschiedenen Teilschlüssel in verschiedenen Leistungsphasen gefordert und geprüft werden. Das AKS steht früher – spätestens in LP3 – fest, das BAS mit dem Funktionsteil erst in LP5/LP8.
Beispiel: K_HG_ASP01_TKA01 für Teilklimaanlage 01 im Hauptgebäude, ASP01.
Ziel: Anlagen eindeutig identifizieren und zuordnen – in der Planung, in den Dokumenten und über den Lebenszyklusphasen hinweg.
BKS – Betriebsmittelkennzeichnungssystem
Der Teil der Adresse, der das Betriebsmittel beschreibt – häufig mit Ortsbezug wie Montageorten. Aber ohne den Funktionsteil (Datenpunkt). Das ist relevant für andere Gewerke (Elektro, HLKS), die den Funktionsblock gar nicht brauchen und uns teilweise zuliefern müssen.
BAS – Benutzeradressierungssystem
Die komplette Adresse, häufig nach folgendem Schema: Liegenschaft, Gebäude, Automationsschwerpunkt, Gewerk, Anlage, Ortsbezug, Betriebsmittel, Funktion. Bis zum Datenpunkt (Funktion) – alles drin. Das ist, was du im GA-System siehst, was bestenfalls im Automationsschema und in der Funktionsliste steht.
BAS ⊃ BKS ⊃ AKS
Das BAS umschließt alles. Das AKS ist nur ein Ausschnitt davon.
5. Wie das in der Praxis aussieht
Ein konsistenter Benutzerschlüssel nach VDI 3814 Blatt 4.1 (Beispiel 2), aus dem Bereich Lüftung:
K_HG_ASP01_L_TKA01_ZUV_M01_SB_01
Aufgeschlüsselt:
| Block | Inhalt | Beschreibung |
|---|---|---|
K | Klinik | Liegenschaft |
HG | Hauptgebäude | Gebäude |
ASP01 | Automationsschwerpunkt 01 | Schaltschrankzuordnung |
L | Lüftung (DIN 276-1: 430) | Gewerk |
TKA01 | Teilklimaanlage 01 | Anlage |
ZUV | Zuluftventilator | Aggregat |
M01 | Motor 01 | Betriebsmittel |
SB | Schaltbefehl | Funktion |
01 | Lfd. Nummer | Erweiterung |
Und so geht’s weiter im selben Projekt:
K_HG_ASP01_L_TKA01_PPE_M01_BM_01– Vorerhitzer-Pumpe, BetriebsmeldungK_HG_ASP01_L_TKA01_VEN_Y01_ST_01– Regelventil, StellgrößeK_HG_ASP01_L_TKA01_TZU_B01_MW_01– Zuluftfühler, MesswertK_HG_ASP01_L_TKA01_BSK_S01_RMZ01– Brandschutzklappe, Rückmeldung ZU
Lesbar. Konsequent. Übertragbar auf Feldgeräte, Software, Doku.
6. Drei Szenen aus der Praxis
Was passiert, wenn das System nicht früh definiert wird:
Szene 1: Automationsschema ≠ Programm ≠ MBE
Der GA-Planer beschriftet seine Schemen nicht nach Kundenvorgabe. Der GA-Programmierer kämpft mit der Kennzeichnung, die erst in LP8 während der Ausführung besprochen wird. Auf der MBE werden die Kennzeichnungen schon gar nicht erst dargestellt – weil es nirgendwo richtig gefordert wird.
Lösung: Früh vorgeben. In der Planung anwenden. Vom Ausführenden fordern. Auf der MBE prüfen.
Szene 2: Mid-Project Krisensitzung
Mitten in der Ausführung wird gemerkt: Das, was als „AKS” durchgereicht wurde, deckt nur einen Teil ab. Plötzlich Termin mit Bauherr, Nutzer, Planer, Integrator. Drei Stunden Diskussion, fünf Beteiligte – am Ende Ärger, keine richtige Lösung. Nur ein Kompromiss, der niemandem wirklich gefällt. Kosten: schnell im vierstelligen Bereich – pro Sitzung.
Szene 3: Übergabe an FM – fünf Jahre später
Der neue Betreiber will Verbrauchsdaten auswerten. Die Adressen aus der MBE (alter Begriff: GLT) haben aber keine Logik, die zum Zähler-Management passt. Was eigentlich automatisierbar wäre, wird per Excel-Mapping zusammengeklebt. Jeden Monat aufs Neue.
7. Was die VDI 3814 Blatt 4.1 dazu sagt
Die Richtlinie ist – was die Kennzeichnungssysteme angeht – sehr klar:
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Das Kennzeichnungssystem muss einheitlich über alle Dokumente und Anlagenteile gelten – Baupläne, Schaltpläne, Beschriftungen vor Ort.
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Zu Beginn der Planung ist zu klären, ob ein bestehendes Kennzeichnungssystem da ist. Wenn nicht: Auftraggeber ansprechen. Er muss seine Vorgaben in einer Form deutlich beschreiben (im besten Fall mit einem Lastenheft). Du kannst als besondere Leistung (BL) auch ein System mit dem Auftraggeber erarbeiten.
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Leitprinzip: „so kurz wie möglich, so lang wie erforderlich”.
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Jede Kennzeichnung muss eindeutig sein – nur einmal im gesamten System.
Das alles funktioniert nur richtig, wenn die Definition so früh wie möglich steht. Nicht währenddessen oder am Ende diskutiert wird.
8. Praxistipp: Das, was wirklich zählt
Egal in welcher Leistungsphase du einsteigst – frag direkt nach dem Kennzeichnungssystem:
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LP1/LP2: Stimme es mit dem Bauherrn ab. Frage nach. Dokumentiere es. Schlage ggf. selbst etwas vor.
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LP3: Noch kein Kennzeichnungssystem besprochen? Langsam wird es eng. Was ist mit deinen Schemen und Funktionslisten? Hier kann man noch etwas machen – aber Alarmstufe Rot.
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LP5/LP8: Wenn hier noch nichts vorliegt oder du erst hier reinkommst und nichts vorfindest – sofort eskalieren. Lieber jetzt zwei Tage harte Klärung als monatelanges Chaos. Glaub mir, ich habe schon richtige Torturen mitgemacht. Und du bleibst später auf so viel Zeit hängen, die nicht veranschlagt war!
Faustregel: Wenn du nicht in einer Tabelle zeigen kannst, welche Stelle der Adresse welche Bedeutung hat, hast du kein Kennzeichnungssystem. Du hast eine Sammlung von Konventionen und Ideen. Und Ideen halten keine 30 Jahre.
„Die Adresse, die du heute setzt, wird in 25 Jahren noch gelesen. Denke an die nächste Generation!”
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